Familie Pierer im Interview: Hotels in Corona-Zeiten

30/04/2020

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Hotels haben derzeit noch geschlossen, das wird sich aber bald ändern. Hotels und andere Beherbergungsbetriebe dürfen in Österreich aufgrund der Erfolge bei der Eindämmung von Corona ab 29. Mai wieder öffnen. Die Schließung erfolgte Ende März per Regierungserlass. 


Wir haben die Situation als Anlass genommen, Familie Pierer, Eigentümer des Almwellnesshotel Pierer in Fladnitz (Gault&Millau Hotel des Jahres 2020), vor den Vorhang zu bitten und ihnen ein paar Fragen zu stellen, die uns derzeit besonders interessieren. 


Seit vier Generationen kümmert sich die Familie mitten im Naturpark Almenland auf 1237 Metern Seehöhe um das Wohlbefinden ihrer Gäste. Und die reisen gerne an, kommen zum Durchatmen, Alm-Genießen und der Wellness wegen. Und: Nachhaltig zu wirtschaften ist für die Pierers eine Selbstverständlichkeit. Sie heizen mit nachwachsenden Rohstoffen und einer Solaranlage, verwenden im Haus Holz und Stein zu einem großen Teil aus der Umgebung, viele Zutaten für Essen und Trinken stammen aus eigener Produktion und eigenem Anbau, den Rest kaufen sie von Partnern in der Region.


Gastronomie und Hotellerie sind zukünftig vor eine Vielzahl an Herausforderungen gestellt. Wir haben deshalb unsere Fragen gesammelt und sie Familie Pierer gestellt. Die Antworten lesen Sie anschließend in voller Länge.


Familie Pierer (c) Harald Eisenberger / Credit TItelbild: (c) Harald Eisenberger



GM: Mit welchen langfristigen Herausforderungen ist die Tourismusbranche in Österreich Ihrer Meinung nach besonders konfrontiert? 


P: Corona hat, wie bereits andere herausfordernde Zeiten zuvor, dazu angeregt, zu evaluieren, bisherige Strukturen zu hinterfragen und die Sinnfrage zu stellen. Was ist wirklich wichtig im Leben, was verzichtbar und worauf kommt es mir persönlich an.Nach Corona wird es eine stärkere Rückbesinnung auf lokale Strukturen, die Familie und kleine Gemeinschaften geben. Regionale Erzeugnisse, wie etwa das Gemüse vom Bauern nebenan, werden wertvoller denn je. Man wird erkennen, dass heimische, bodenständige und traditionelle Speisen eine herrliche und nachhaltige Alternative zu den hippen Trendgerichten sind. 
Umweltorientierung und Wir-Kultur werden ebenso zentrale Bedeutung erlangen wie die Gesundheit, die ihren Wert als wichtigstes Gut wieder einmal bewiesen hat. Genau diese Trends werden sich auch im Tourismus manifestieren. Der Gast wird noch mehr Wert auf körperliches und seelisches Wohlbefinden, Hygiene, Regionalität und Nachhaltigkeit legen. Man möchte gerade in seiner Freizeit mehr Raum für Individualität und ein reiches Angebot für Selfcare. Hier haben wir als Hoteliers die Aufgabe, unser Angebot zu überdenken, noch mehr in die Tiefe zu gehen und der Zeit entsprechend zu reagieren. 



Worauf ist es gerade jetzt wichtig zu achten bzw. in welchen Bereichen ist ein Umdenken im Betrieb nötig?


Als Almwellness Hotel und Familienbetrieb haben wir von jeher auf die oben angesprochenen Themen wie Gesundheit, Individualität, Nachhaltigkeit und Regionalität gesetzt. Wir haben unser Angebot in den vergangenen Jahren immer weiter vertieft und entsprechend der Trends weiterentwickelt. Ob beim Almyoga auf neue Gedanken zu kommen, bei einer Kräuterwanderung die Sinne zu erwecken oder bei einer Laufrunde am Teichalmsee die positiven Effekte der Höhenluft zu spüren – unsere Gäste können ganz nach eigenem Wunsch ihren Urlaub sehr vielfältig gestalten. Somit wird es hier keine große Veränderung für uns geben.  Natürlich haben wir unser Angebot weiter geschärft und angepasst. Die Frage nach dem „warum“ ist gerade jetzt ein zentrales Thema. Man muss neue Möglichkeiten schaffen, die die Maßnahmen einhalten, das Urlaubserlebnis jedoch nicht reduzieren. Hierbei ist ein Umdenken nötig. Die neuen Verhaltensregeln dürfen nicht zu Einschränkungen werden – ein herausfordernder und kreativer Prozess. Wir haben beispielsweise vieles, wie etwa das Aktivprogramm, in die Natur verlagert und somit dem Gast einen Mehrwert geschaffen. Darüber hinaus sind die Kommunikation mit dem Gast und der aktive Informationsaustausch essentiell. Die Gäste wollen sich in ihrem Urlaub sicher und wohlfühlen. Als Gastgeber ist es unsere Aufgabe, ihnen so viel wie möglich abzunehmen, sie über alles zu informieren, Sicherheit zu geben:  Vor, während und nach dem Urlaub. 



Wie versuchen Sie bzw. haben Sie bereits versucht in Ihrem Haus passende Veränderungen durchzuführen?


Wir versuchen uns immer in die Lage unserer Gäste zu versetzen. Ein großes Thema zurzeit ist die allgemeine Verunsicherung. Viele träumen vom nächsten Urlaub, sind aber aufgrund der Situation zögerlich. Das verstehen wir sehr gut und haben daher unsere Stornobedingungen gelockert, sodass unsere Gäste bei allen Buchungen für einen Aufenthalt bis Ende Juli 2020 bis 5 Tage vor Urlaubsantritt kostenlos stornieren oder den Termin verschieben können.Zusätzlich arbeiten wir natürlich im Hotel daran, dass sich unsere Gäste in ihrem Urlaub auch jetzt rundum wohlfühlen, und den Alltag hinter sich lassen können. Egal ob Home Schooling, Home Office oder Kurzarbeit – Corona ist für uns alle eine neue Aufgabenstellung, die wir im Urlaub hinter uns lassen möchten.Auf Basis dessen haben wir evaluiert und, wie es herausfordernde Zeiten an sich haben, viel für uns und unsere Gäste mitgenommen. 

An erster Stelle all unserer Überlegungen standen für uns die Sicherheit unserer Gäste und MitarbeiterInnen sowie der Gedanke, dass unsere Urlauber keine Einschränkungen empfinden, sondern ihren Urlaub genauso genießen können wie zuvor. Wir servieren das Begrüßungsgetränk bei Schönwetter im Freien im Bar- und Loungebereich, die Gäste können sich anstelle der mittäglichen Almgenusspause eine Wanderjause mitnehmen und so inmitten der Natur picknicken. Wir haben unser Aktivprogramm ausgeweitet und bieten viele Kurse, wie etwa Yoga, im Freien an – ein Erlebnis, das selbst uns den Atem raubt. Damit auch weiterhin der Genuss im Mittelpunkt steht, werden wir die Essenszeiten ausdehnen und entsprechende Maßnahmen beim Frühstück tätigen. Unser Küchenkonzept beruht von jeher auf Nachhaltigkeit, Saisonalität und Regionalität, ein Credo, das uns gerade jetzt sehr am Herzen liegt und den Puls der Zeit trifft. 

Ein weiterer (zwar nicht neuer) Vorteil ist, dass unser Hotel eingebettet im Naturpark Almenland – dem größten zusammenhängenden Almweidegebiet Mitteleuropas – liegt und sehr viel Platz für Rückzug und Individualität bietet.  Und wer sich nach Sand sehnt, der wird an unserem Almstrand definitiv seinen Glücksort finden: Einfach die Füße im Wasser baumeln lassen, die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren und entdecken, wie schön es in unserer Heimat ist. Zusätzlich haben wir tolle Pakete, die den Bedürfnissen der Zeit entsprechen, geschnürt. Wer seine beste Freundin vermisst, fährt mit ihr auf ein Almtratscherl zu uns, wer seine Mama oder seinen Papa auch mal wieder abseits von WhatsApp oder Skype sehen möchte, macht sich auf zum Almtreff für Generationen. Egal ob zum Wellnessen, Wandern oder Genießen: Wir werden alles daran setzen, dass unsere Gäste eine glückliche, ausgelassene und unbeschwerte Zeit bei uns erleben.



Denken Sie, dass die derzeitige Situation in Zukunft positive Auswirkungen auf den Inlandstourismus haben wird?


Ja, davon gehen wir aus. Da viele Menschen ihre Sommerurlaube aufgrund der derzeitigen Situation im Ausland stornieren, bekommen wir zurzeit sehr viele Anfragen. Damit einher geht, dass viele ihren Haupturlaub bei uns verbringen werden und längere Aufenthalte buchen. In den vergangenen Jahren war es meist so, dass Österreich-Reisen eher als Zweiturlaub bzw. als kurze Auszeit genutzt wurden. Jetzt nehmen sich die Menschen mehr Zeit. Das freut uns insofern sehr, da wir den Ansporn sehen, allen Österreicherinnen und Österreichern zu zeigen, wie schön und urlaubswert ihre Heimat eigentlich ist. 
Es liegt also an uns Hoteliers Bewusstseinsbildung für das eigene Land zu betreiben, die Gäste zu begeistern und ihnen ein unvergessliches Urlaubserlebnis zu ermöglichen. Weitere Vorteile wie die kürzere Anreise, die Umgehung von Staus etc. sind natürlich gerade in der jetzigen Situation ein zusätzlicher Anreiz – Zeit ist kostbar, vor allem freie mit der Familie. Diese möchte man daher so gut es geht und qualitativ hochwertig nutzen.  Die Hoteliers dürfen sich aber nicht auf diesem „Heimvorteil“ ausruhen, sondern haben gerade jetzt die Aufgabe, gästeorientiert zu agieren.
 

Was ist Ihr persönlicher Wohlfühlort an dem Sie gerade Kraft tanken?


Wir haben das große Glück, an einem Ort zu leben, der von Natur umgeben ist. Die Alm an sich ist für uns ein wahrer Kraftort. Hier sind wir aufgewachsen, hier kennen wir jeden Winkel und doch überrascht sie uns immer wieder aufs Neue. Gerade jetzt im Frühling, wenn alles erwacht, gibt einem die Natur so viel: Die grünen Wiesen, der tiefblaue Teichalmsee, die wilden Kräuter und unberührten Wälder, die frische Luft und die schiere Weite der Gipfel auf über 1.000 m Seehöhe beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. 
Als begeisterte Wanderer beginnen wir den Tag mit einer Almwanderung mit unserem Hund Amadeus. Wir schnappen uns frühmorgens unsere Schuhe, einen kleinen Rucksack und mit den ersten Schritten und tiefen Atemzügen rücken die Herausforderungen immer weiter in die Ferne. Es stimmt schon, dass man am Gipfel einen anderen Blickwinkel auf die Dinge bekommt.Und wenn man dann in das eigene Hotel zurückkommt und einem bewusst wird, was man bisher geschafft und geschaffen hat, gibt einem das so viel Kraft und positive Energie, dass man gerne in die Zukunft blickt.

 


Und worauf freuen Sie sich am meisten, sobald Sie wieder Gäste in Empfang nehmen können?


Als Familienbetrieb arbeiten wir täglich operativ im Hotel mit. Umso befremdlicher war es für uns, unser Haus so leer zu sehen und umso stärker wurde uns wieder einmal bewusst, dass wir Gastgeber aus Leidenschaft sind und dass wir das, was wir tun, aus tiefster Überzeugung und mit viel Herzblut tun. Daher freuen wir uns alle schon sehr darauf, wenn unser Hotel wieder belebt ist. Auf glückliche Gesichter, entspannte Gäste und gute Gespräche bei einem Glas Hokuspokus: Denn genau das macht unser Almwellnesshotel und uns aus.  Wir wollen begeistern, wir wollen unseren Gästen zeigen, wie schön es auf der Alm ist und wie heilsam, entspannend und beruhigend eine Auszeit in der Natur sein kann. Wir wollen, dass unsere Gäste eine unvergessliche Zeit bei uns verbringen und sich von uns rundum verwöhnen lassen: Mit dem aufmerksamen und unaufdringlichen Service, das uns auszeichnet. Und natürlich freuen wir uns auf all unsere MitarbeiterInnen. Denn nur mit ihnen gemeinsam können wir in eine erfolgreiche Zukunft gehen und unsere Visionen und Ziele so motiviert umsetzen wie bisher. 



Almwellness Hotel Pierer 

8163 Fladnitz, Teichalm 77 

www.hotel-pierer.at