Kochen als politischer Akt




Michael Langoth







Das kulinarische Manifest der Kochgenossen ist mehr als nur ein Kochbuch. Autor Michael Langoth ermutigt Laien, selbst zu kochen und dadurch den eigenen Geschmackssinn zu schärfen. Vielfältiger Genuss statt angstbestimmter Selbstbeschränkung lautet das Motto dieses außergewöhnlichen Buches.

 

Multitalent Michael Langoth hat in den letzten Jahren bereits drei erfolgreiche Kochbücher verfasst, die nicht nur äußerst informativ, sondern auch wunderschön gestaltet sind. Alle Bücher enthalten Rezepte, die mehrfach erprobt und tatsächlich nachkochbar sind. Trotzdem handelt es sich bei allen drei Büchern weniger um konventionelle Kochbücher, sondern um umfassende Werke, die sich in Wort und Bild einer speziellen kulinarischen Region widmen. Sie sind das Ergebnis von ausgedehnten Reisen, bei denen viel gekostet, gekocht und fotografiert wird.

 

Ein Blick zurück

Der erste Teil des Buchs beschäftigt sich mit der Geschichte unserer Ernährung und reicht von der Beherrschung des Feuers vor rund einer Million Jahren bis zur Emanzipierung der Frauen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Obwohl man diese Geschichte zu weiten Teilen als uneingeschränkte Erfolgsstory lesen kann, weil sich die Menschheit die Erde tatsächlich Untertan gemacht hat, zeigt Langoth auch deren Schattenseiten. Bereits der Übergang vom nomadischen Jäger- und Sammlerdasein zum Ackerbau wurde für den Großteil der Bevölkerung mit einem Verlust von Autonomie und Freiheit bezahlt. Zwar konnte durch die agrarische Revolution auf der gleichen Fläche wesentlich mehr Menschen ernährt werden. Der überwiegende Teil der Bevölkerung büßte diese Effizienzsteigerung jedoch mit einer Aufgabe von Autonomie und einem wesentlich eintönigerem Speiseplan ein, um eine neu entstehende Klasse von Menschen zu ernähren, die nicht unmittelbar mit der Nahrungsmittelproduktion zu tun hatte.


Dennoch dauerte es bis zum 20. Jahrhundert, bis auf der nördlichen Halbkugel ein zumindest scheinbares Schlaraffenland entstand, in dem es Kalorien (und vor allem Zucker!) im Überfluss gibt. Doch gleichzeitig nehmen ernährungsbedingte Krankheiten stetig zu. Zwischen Unterernährung und Fettsucht liegt offensichtlich nur ein schmaler Grat.


Das Wissen um die eigene Esskultur – das auch die Schätze der jeweiligen Umwelt umfasst – ist vielfach verloren gegangen. Ein Umdenken – von Slowfood bis zu hippen Foodtrucks und Guerilla Gardening – ist zwar schon erkennbar, wenngleich es sich bei derartigen Phänomenen immer noch um absolute Minderheitenprogramme handelt. Unser Essen ist Teil einer durchkommerzialisierten Welt von Großkonzernen geworden, die nur scheinbar Vielfalt brachte. Stattdessen wurden die Menschen entmündigt und die Natur zerstört. 

 

Kochen als subversive Tätigkeit

Langoth meint, dass der eigene Geschmackssinn – so wie alle unsere Sinne – geschult werden muss. Ohne einen geschulten Geschmacksinn, verfügen wir nicht mehr über die Fähigkeit, gutes Essen von schlechtem zu unterscheiden. Man ist den trügerischen Bildern der Werbung wehrlos ausgeliefert, die vor allem auf eine makellose Darstellung von Essen setzt.


Um wirklich schmecken zu können, sollte – so Langoth – jeder Mensch regelmäßig kochen. Früher war das Kochen eine im Verborgenen ausgeführte Tätigkeit der Frauen, mit der die traditionellen Machtverhältnissen der Geschlechterrollen manifestiert wurde. Heute sieht Langoth im Kochen einen fast schon subversiven politischen Akt, mit dem wir uns Schritt für Schritt Autonomie und Selbstbestimmung zurückholen können.    


Langoths Buch ist nicht nur ein kritisches Geschichtsbuch und ein kulinarisches Manifest, sondern auch ein Kochbuch mit über 40 Rezepten zum Nachkochen. Die Rezepte dienen jedoch vor allem als Inspiration, die ungeschulten Neueinsteigern die Angst nehmen sollen, sich selbst am Herd zu versuchen.


Langoth beschränkt sich bei seiner Rezeptauswahl auf keine bestimmte Region – die ganze Welt ist ihm Bühne. In Anlehnung an die Kulturwissenschafterin Karin Lucas gliedert er seine Rezepte in verschiedene Formate wie „schnelles Gemüse“, „Nudel“ „roh“ und „Fleisch“. Das macht nicht nur für unerfahrene Köche Sinn. Auch Profis oder ambitionierte Hobbyköche können dazu lernen, wenn sie sich einem Thema wie etwa „Nudel“ von verschiedenen Regionalküchen her nähern. Das Thema bleibt ja im Großen und Ganzen gleich, nur die Umsetzung und Würzung fällt in China eben anders aus, als in etwa in Italien oder Österreich.

 

Text: Wolfgang Schedelberger