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Legende Château Palmer

Ein Einblick in Historie & Flasche

Nach einer wechselhaften Geschichte zählt Château Palmer heute zu den Größen der Region. Mit 2008 begann die Umstellung auf biodynamischen Weinbau, seit 2018 ist es offiziell zertifiziert. 


Das Gut Palmer wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom englischen General Charles Palmer gegründet. 1814, nach seiner Rückkehr vom Spanienfeldzug an der Seite von Wellington gegen Napoleon, erwarb General Palmer das Château de Gascq, dem er seinen Namen gab. 1843 verkaufte der in den Rang des Major General erhobene Charles Palmer sein Weingut. Danach gab es mehrere Besitzerwechsel, von denen die meisten Besitzer nach und nach auch Rebflächen verkauften. In den 1930er-Jahren wurde der verbliebende Rest des Gutes von einem Syndikat der vier Familien Sichel, Mähler-Besse, Ginestet und Mialhe, die aus dem Bordeaux-Weinhandel stammen, erworben. Die Nachfolger aus den Familien Sichel und Mähler-Besse sind heute noch Eigentümer und in der Leitung des Weinguts tätig.

 


STETIGE ERWEITERUNGEN, NACHHALTIGER WIRTSCHAFTLICHER ERFOLG

Seit den 1950er Jahren ging es aufwärts mit Palmer. Die Rebflächen wurden erweitert und der Merlot Anteil (Merlot reift früher als Cabernet Sauvignon und ist in kälteren Jahren vorteilhaft) von weit über 60 % auf etwa 47 % zurückgefahren. Wie im gesamten Médoc kam der nachhaltige wirtschaftliche Erfolg bei Palmer, der all die jahrelangen Investitionen rechtfertigte, erst mit der sagenhaften Qualität des Jahrgangs 1982. Anfang der 1990er Jahre wurde dann nochmals kräftig in Gebäude und Kellertechnik investiert. Die speziell geformten Gärtanks aus Edelstahl werden vollständig computergesteuert. Aus 52 ha Rebflächen werden heute zwischen 100.000 und 150.000 Flaschen des klassischen Château Palmer und fast noch einmal so viele Flaschen Alter Ego produziert.


DIE PROBLEMATIK DER BORDEAUX-KLASSIFIZIERUNG

Am Rande: Bei der Bordeaux-Klassifizierung im Jahr 1855 wurde Château Palmer in den dritten Rang (Troisième Cru Classé) eingestuft. Gerade dieses Beispiel zeigt die Problematik dieser seither (bis auf die eine Ausnahmen der Hochstufung von Château Mouton-Rothschild von einem Deuxième Cru in einen Premier Grand Cru) nie wieder geänderten Einstufung. Sie wurde vorgenommen, als sich Château Palmer gerade im Umbruch befand. An der Weinqualität und Wertigkeit kann es nicht gelegen haben, denn ein Château Palmer war ebenso teuer wie die Premier Crus und qualitativ nicht schlechter. Das hat sich bis heute übrigens nicht geändert, die Klassifizierung ist allerdings geblieben. Unter Insidern gilt es aber jedenfalls als Super-Second (vergleichbar mit den als zweite Gewächse eingestuften Montrose, Ducru-Beaucaillou oder Pichon Longueville).


 

REBSORTEN & ANBAUFLÄCHE: CHÂTEAU PALMER, ALTER EGO, VIN BLANC DE PALMER & HISTORICAL

Die Weinberge von Château Palmer (AOC Margaux) erstrecken sich über die Kieshügel an der Garonne, die zu 47% mit Cabernet Sauvignon, 47 % mit Merlot und 6 % mit Petit Verdot bepflanzt sind. Zum Wein steuert der Cabernet die kraftvolle Struktur, der Merlot einen stoffigen, molligen Körper und der Petit Verdot seine attraktive Kräuterwürze bei. Daraus werden die zwei wichtigen Weine – Château Palmer und Alter Ego – gekeltert. Wobei man den Alter Ego nicht als Zweitwein, wie in Bordeaux üblich, sieht. Er soll vielmehr einen eigenen Weintyp, der durchaus auch früher trinkreif und preislich moderater ist, repräsentieren. Alter Ego zeigt in der seiner Jugend schon runde, saftige Tannine und eine animierende frische, rote Frucht.

 

Daneben gibt es zwei Side-Projekte: Vin Blanc de Palmer und Historical. Der weiße Palmer wird seit 2007 in kleiner Menge produziert. Er ist sehr gesucht und entsprechend teuer. Seine Geschichte geht in die 1920er Jahre zurück, wo er hauptsächlich zum Eigengebrauch für die Besitzer des Château erzeugt wurde. Dann verschwand er, bis man Ende der 1990er Jahre zwei Flaschen des weißen Palmer 1925 fand und ein paar Jahre später beschloss, wieder eine kleine Menge weiße Sorten auszupflanzen. Diese sind: 58 % Muscadelle, 32 % Loset (eine sehr seltene, alte südfranzösische Sorte) und 10 % Sauvignon Gris (die aromatische Spielart des Sauvignon Blanc). Aus der Cuvée der drei Sorten entsteht ein Wein mit viel Zug, Engmaschigkeit, spannungsreicher Aromatik und Tiefgang.

 

Eine spezielle Geschichte steckt hinter dem raren Historical. Im 19. Jahrhundert waren in Bordeaux „Hermitage“ Weine durchaus üblich. Das bedeutet, dass die Châteaux ihren Weinen einen gewissen Anteil an Syrah von den nördlichen Rhône zugefügt haben, um sie kraftvoller sprich fleischiger zu machen. Der damals gekelterte Bordeaux (Claret genannt), war in der Regel eher von schlanker Struktur. Also völlig anders als heute. Vor einigen Jahren besann sich der Gutsdirektor Thomas Duroux dieser alten Tradition, nachdem er die Möglichkeit hatte, sehr alte Weine im Stil „Hermitage“ zu kosten. Natürlich steht dahinter nur der historische Gedanke. Die außergewöhnliche Kombination besteht zu je 45 % aus Cabernet Sauvignon und Merlot und zu 10 % aus Syrah von der nördlichen Rhône. Die genaue Herkunft, ob St. Joseph, Cornas oder Côte Rotie, bleibt aber ein Geheimnis.


BIO UND BORDEAUX – AUCH OHNE ETIKETTENKENNZEICHNUNG EIN WEIN MIT AUSDRUCKSKRAFT

Erwähnenswert in Sachen Palmer ist die Hinwendung zur biodynamischen Bewirtschaftung. 2008 begann man mit ersten Versuchen. Mit der Zeit entdeckte das Team, welche große Chance in der Bewirtschaftungsweise steckt. Die im Weinbau übliche Monokultur wird wieder in ein lebendiges, landwirtschaftliches Umfeld transferiert. Schafe grasen zwischen den Rebzeilen, die blühende Begrünung bietet einen Lebensraum für viele Nützlinge. Die Trauben haben mehr Ausdruckskraft und man fühlt sich auch in Sachen Klimawandel besser gewappnet, weil die Reben besser mit Temperaturextremem zurechtkommen. Natürlich gibt es auch Rückschläge, wie 2018, als der Mehltau im frühen Sommer einen Großteil der Ernte vernichtete. Trotzdem will man bei Palmer an der Biodynamie festhalten. Allerdings wird dies am Etikett nicht gekennzeichnet. Thomas Duroux gibt auf die Frage des „Warum“ zu bedenken, dass man in der Wahrnehmung von Bio und Bordeaux noch nicht so weit sei. Den Weinen wird die geänderte Bewirtschaftungsweise aber in Zukunft sicher positiv anzuschmecken sein. 



GENUG THEORIE UND AB IN DIE PRAXIS: WEINTASTING MIT ALLEN WEINEN VON CHÂTEAU PALMER & VERKOSTUNGSNOTIZEN


 Chefredakteurin des Gault&Millau Weinguides Petra Bader mit Master Sommelier Alexander Koblinger (Gault&Millau Sommelier des Jahres 2015).


Ein spannendes Tasting mit allen Weinen von Château Palmer veranstaltete das Weinhandelshaus Döllerer in Kuchl am Donnerstag, den 8. Oktober 2020. Wir waren vor Ort und berichten.



Hier eine Liste aller verkosteten Weine:



  •  2018 Vin Blanc de Palmer:

Helles gelb, leichter Grünreflex, Bukett nach Lindenblüten, Muskat, gelbem Apfel, Mirabelle, feine Graphitnoten und ein ganz subtiler Hauch von Honigwaben, frische Säureattacke, crisp, schlank, elegant und sehr engmaschig. Ein hochspannender Wein mit Tiefgang.

18/20 Punkte


  •  2015 Alter Ego:

Dunkler, granatroter Kern, blaue Beerenfrucht, Brombeeren, Heidelbeermus, Kakaopulver, feine Zimtnoten, junge, aber saftige Tanninstruktur, jugendliche Frucht am Gaumen, gute Balance. Ein Wein, der sich jetzt bereits gut antrinken lässt.

17/20 Punkte


  •  2013 Historical:

Mittlere grantrote Farbe mit deutlichem wasserhellem Rand, ruhiges Bukett, Kirschnoten, kräutrige Noten, Frucht zieht sich am Gaumen fort, gute animierende Art, Elegant und kraftvoll zugleich, mittlere Tanninstruktur, braucht Luft und Zeit, dekantieren.

17,5/20 Punkte


  •  2011 Palmer:

Sehr tiefes, dunkles granatrot mit dünnem wasserhellen Rand, dunkle Schokolade, leicht Eukalyptus, Schlehe und Heidelbeere, kraftvoll am Gaumen, junges Tannin, wirkt noch sehr verschlossen, fast etwas zartbitter am Gaumen, guter Zug.

18/20 Punkte


  •  2010 Palmer:

Dunkles granatrot mit leichtem violetten Hint, reife und warme dunkle Beerenfrucht, sehr Bordeaux, attraktive Würze, leichte schwarze Trüffelnoten, große Komplexität, viel Stoffigkeit, kraftvolles aber sehr gute balanciertes Tannin, enorme Struktur und Potential. 

19,5/20 Punkte


  •  2009 Palmer:

Dunkles granat mit fein auslaufender Randaufhellung, sehr attraktive Brombeerfrucht, Schokolade, feine Holzwürze, gute Fortsetzung am Gaumen, saftige, präsente Tanninstruktur, sehr ansprechend, wirkt schon zugänglich, großartiger Ausdruck. Ein Muster-Palmer. 

19/20 Punkte


  •  2008 Palmer:

Mittlere grantatrote Farbe mit ziegelrotem Rand, leicht fleischige Noten, Leder, Tabak, etwas Pfefferminze, kräutrige Würze und dunkle Frucht, gute Tannine, etwas mürber Weintyp mit guter Trinkreife, ein typischer Vin Gastronomique, der jetzt auf die gedeckte Tafel gehört. 

17/20 Punkte

  



                                                                                                 Text und Fotos: Petra Bader