Perfektion gibt es nicht

Richard Geoffroy ist seit über 25 Jahren Kellermeister bei Dom Perignon. Gault&Millau hat ihn bei seinem jüngsten Wien-Besuch getroffen und mit ihm über Perfektion, Harmonie und wahren Luxus gesprochen.
 
Gault&Millau: Andere Champagnerhäuser bringen Jahrgangschampagner nur in außergewöhnlich guten Jahren heraus. Bei Dom Perignon müssen Sie auch in kleinen Jahren einen Top-Schaumwein aus einer einzigen Lese  kreieren. Wie kann das gelingen?
 
Richard Geoffroy: Das ist das Spezielle bei unserem Haus – wir stehen für die Interpretation eines jeden Jahrgangs. Wir verfügen über die besten Lagen, haben ein phantastisches Team und erfreulicherweise auch den finanziellen Hintergrund, kompromisslos auf die Qualität schauen zu können, auch wenn es ein schwieriges Jahr ist. Dass jeder Jahrgang ein bisschen anders schmeckt, trägt zum ganz speziellen Reiz von Dom Perignon bei. Ich versuche nicht, die Schwankungen im Weingarten auszugleichen, sondern ihnen einen ganz speziellen Ausdruck zu verleihen. Das ist mitunter riskant, aber für mich ist das der einzig gangbare Weg. Wir arbeiten mit der Natur und da gibt es keine Perfektion. Dass dabei einmal etwas nicht zu hundert Prozent aufgeht, gehört dazu. Natürlich muss unser Produkt immer sehr gut sein, aber wenn es Anflüge des Scheiterns erkennen lässt, macht es unseren Champagner glorreich und majestätisch. 
 
GM: In der Spitzengastronomie schätzt man Jahrgangsunterschiede auch beim Wein, doch wie schaut das in Nachtclubs aus, wo Dom Perignon auch gute Umsätze macht? Werden dort nicht eher standardisierte Luxus-Produkte gesucht?
 
RG: Ein Luxusprodukt, das sich Jahr für Jahr in identischer Qualität herstellen lässt, ist für mich keines. Dass Dom Perignon auch in Clubs sehr geschätzt wird, freut mich und es passt meiner Meinung nach auch sehr gut zum Image unserer Marke. Ich bin mit vielen Spitzenköchen persönlich befreundet – trotzdem würde ich es nicht wollen, wenn Dom Perignon ausschließlich in feinen Restaurants vertreten wäre. Eine erfolgreiche Marke braucht Spannung und die bekommt man nicht durch ein braves, glattes, eindimensionales Auftreten. Für mich ist der Gegensatz ‚Restaurant – Nachtclub’ durchaus harmonisch. Harmonie entsteht durch unterschiedliche Töne, die sich ergänzen, und nicht durch einen Ton, der besonders laut gespielt wird. Natürlich freut es mich als Kellermeister ganz besonders, wenn sich ein Connaisseur im Restaurant länger mit unserem Champagner beschäftigt und ihn in aller Ruhe genießt. Es ist aber genauso schön, wenn Menschen mit Dom Perignon beschwingt und unbeschwert feiern wollen.


Markus Ferrigato, GF Moët Hennessy Österreich & Richard Geoffroy, Kellermeister von Dom Pérignon

(c) Sabine Klimpt


GM: Wie auch andere Luxusmarken macht Dom Perignon einen Gutteil des Umsatzes in Asien und den USA. Wieso kommen praktisch alle Luxusmarken nach wie vor aus Europa?
 
RG: Beim Champagner könnte man vom einzigartigen Terroir sprechen, das es eben nur hier gibt. Ich glaube jedoch, dass es um mehr geht. Jede Luxusmarke hat eine eigene Identität. Sie steht für einen Traum, für eine Vision. Sie macht auf ihre ganz unverwechselbare Art und Weise ‚Sinn“. Es handelt sich dabei eben nicht um rein kommerziell ausgerichtete Unternehmen. Deshalb kann man sie auch nicht am Reißbrett entwerfen. Wenn man wie wir bei Dom Perignon eine Jahrhunderte alte Tradition hat, hilft das natürlich auch, um einen Mythos zu pflegen, aber das alleine wäre zu wenig. Die wenigsten Marken, die vor hunderten Jahren gegründet wurden, gibt es heute noch. Es geht darum, sich laufend neu zu erfinden und sich dabei  gleichzeitig treu zu bleiben.
 
GM: Wie erfindet sich Dom Perignon – abgesehen vom jährlich wechselnden Jahrgang – neu?
 
RG: Wir haben vor ein paar Jahren unsere Reserve-Linie Œnotheque in Plénitude 2 – oder kurz P 2 – umbenannt, weil Œnotheque ein generischer Begriff ist, der sich markenrechtlich nicht schützen lässt. Das hat manche Kunden anfangs irritiert, aber es war auf jedem Fall die richtige Entscheidung und hat auch zu keinen Umsatzrückgängen geführt. Unsere P2 gibt es ohnehin nur in sehr kleinen Mengen und ist immer ausverkauft. Frei übersetzt kann man Plénitude mit zweitem Schwung übersetzen. Es handelt sich um außergewöhnlich gute Chargen, die wir noch länger reifen lassen. Der aktuelle P2 Jahrgang ist 2000. Natürlich ist auch ein stimmiges Marketing wichtig, aber das ist nicht meine Aufgabe.
 
GM: Sie sind bereits seit 29 Jahren als Kellermeister bei Dom Perignon tätig. Das ist ein sehr langer Zeitraum für ein Menschenleben, aber ein sehr kurzer, wenn man die Geschichte Ihres Champagnerhauses betrachtet. Wissen Sie schon, wer Ihnen einmal nachfolgen wird?
 
RG: Ja, weil Kontinuität bei uns oberste Priorität hat. Es scheint paradox, dass der Kellermeister zwar seine Persönlichkeit und Handschrift einbringen soll, sich aber andererseits auch sehr zurückhalten muss, weil es nicht um sein Ego, sondern um den Ausdruck eines legendären Champagners geht. Ich verstehe mich als Teamworker, nur arbeite ich mit meinen „Kollegen“ nicht gleichzeitig zusammen, sondern in zeitlicher Abfolge. Mein „Team“ besteht aus allen Kellermeistern, die vor mir Dom Perignon gekeltert haben, und all jenen, die mir noch nachfolgen werden. Es darf Veränderungen, aber keine Brüche geben. Mein geplanter Nachfolger ist bereits seit 2005 bei uns und wird das Ruder übernehmen, wenn es so weit ist. Diese hervorragende Position beflügelt das Ego eines jeden Weinmachers. Gleichzeitig bringen es die langen Reifezeiten mit sich, dass man bescheiden bleibt. Bis ich meinen ersten Jahrgang präsentiert durfte, sind neun Jahre vergangen, auf meinen ersten P2 musste ich 16 Jahre warten. Den Dingen ihre Zeit zu geben, ist einer der wichtigsten Tugenden, wenn man große Champagner keltern will.
 
GM: Wie definieren Sie eigentlich Erfolg? Geht es darum, ob der neue Jahrgang LVHM-Boss Bernard Arnault besonders gut schmeckt? Misst man Ihre Leistung in höheren Verkaufspreisen oder sind Bewertungen in Weinguides die entscheidende Latte?
 
RG: Nichts von alle dem. Meine Familie lebt seit über sieben Generationen in der Champagne. Dom Perignon ist für alle, die dort seit Generationen leben, ein ganz besonderes Haus. Der aufrichtige Respekt, der mir von meinen Kollegen entgegengebracht wird, ist für mich das Wichtigste. Natürlich müssen wir uns mit jedem Jahrgang aufs Neue beweisen, aber wir denken hier ein bisschen langfristiger. Dom Perignon ist Teil unserer Kultur und es macht mich stolz, dass man ihn bei mir ihn guten Händen sieht.
 
GM: Der Erfolg von Dom Perignon ist nicht im Vakuum entstanden. Parallel haben sich auch andere Champagner-Marken prächtig entwickelt. Wie sehen Sie die Zukunft von Schaumwein im Allgemeinen und Champagner im Speziellen?
 
RG: Weltweit werden pro Jahr rund drei Milliarden Flaschen Schaumwein produziert, Tendenz steigend. Aus der Champagne kommen maximal 300 Millionen Flaschen jährlich. Das bedeutet, dass der relative Anteil von Champagner am globalen Schaumweinmarkt laufend sinkt. Früher waren es einmal 25 Prozent, jetzt sind es nur mehr zehn Prozent. Das ist kein Problem, solange es uns gelingt, an der Spitze der Qualitätspyramide zu bleiben. Alle Produzenten müssen sich laufend darum bemühen, bessere Qualitäten zu produzieren. Ich habe mit Prosecco, Cava und Schaumweinen aus Übersee kein Problem. Bevor ich bei Dom Perignon angefangen habe, war ich selbst bei Domaines Chandon im Napa Valley engagiert. Gute Produkte haben immer ihre Berechtigung, wenn sie ihr Publikum finden. Je populärer Schaumwein insgesamt ist, desto besser für uns alle.
      
GM: Auch Schaumweine unterliegen Trends. In letzter Zeit ist in Österreich das Thema „brut nature“ angesagt. Außerdem steigt die Nachfrage nach Rosé-Champagner. Wie sehen Sie derartige Moden?
 
RG: Moden sind nicht wirklich unsere Sache, dafür agieren wir viel zu langfristig. Auch wir haben einen wunderbaren Rosé, der extrem populär ist. Das Problem ist nur, dass man die Produktion nicht weiter steigern kann, weil es einfach nicht mehr gute Pinot Noir-Trauben gibt. Außerdem braucht ein großer Rosé-Champagner noch mehr Reifezeit in der Flasche, damit er wirklich elegant und komplex wird. Das Zero-Dosage Thema ist eine absolute Nische, die von Wein-Freaks gepusht wird, aber keine marktrelevante Bedeutung hat. Ich sehe eher ein Comeback der Demi-sec-Kategorie. Bei Dom Perignon haben wir immer weniger als sechs Gramm Restzucker und sind damit extra-brut, aber ehrlich gesagt wollen wir das nicht groß zum Thema machen. Ich spreche lieber über die unterschiedlichen Jahrgänge, als über das relativ langweilige Thema Dosage.


Text & Interview: Wolfgang Schedelberger

Copyright Titelbild & Slider: Sabine Klimpt