Reife Leistung: No Age Whiskys


Füllungen mit Altersangaben sind bei Bruichladdich eher ungewöhnlich. Dafür spielt man sich ungewöhnlichen Altersangaben. Vor drei Jahren kamen diese 10jährigen Whiskies auf den Markt, aktuell gibt es mit dem streng limitierten 23-jährigen Black Art nur einen Whisky mit Altersangabe.  


Durch die Nachreifung in besonders kleinen Fässern („Quarter Cask“) schmeckt dieser Laphroig besonders intensiv.    

Der Highland Park Walkyrie hat auch ohne Altersangabe das Zeug zum Kultwhisky. Mit 45,5 % Alkohol ist er stärker, als die klassischen Füllungen. 


Zweimal wurden die Fässer mit Madeira in der Sonne „gebacken“, bevor sie für die Glenmorangie Private Edition verwendet wurden. Dank derart intensivem „Fasstuning“ braucht es nicht Jahrzehnte, um ein außergewöhnliches Resultat zu erzielen.



14.Juni 2017


Je älter, desto besser! Diese Gleichung gilt nur bedingt, wenngleich Whiskies und andere Spirituosen wie Cognac und Rum zweifellos eine gewisse Reifezeit brauchen, um zu Höchstform aufzulaufen. Doch weil die Reserven an alten Whiskies knapp werden, versuchen Produzenten das Premium-Segment mit Sonderfüllungen ohne Jahrgangsangabe zu ergänzen.

 

Ein guter Whisky braucht einfach seine Zeit, um zu einem reizvollen Genussmittel zu werden. Gesetzlich ist eine Fassreifung von zumindest drei Jahren vorgeschrieben, damit ein Destillat als Scotch Whisky nennen darf. Wirklich gute Whiskies sind jedoch deutlich älter.


Die magischen Zahlen beim Whishy lauten 12, 18 und 21. Sie stehen für die Reifezeit des Whiskies und bedeuten – anders als etwa beim Rum – dass alle verwendeten Chargen zumindest das angegebene Alter haben. Von ganz wenigen Ausnahmen („single casks“) abgesehen, handelt es sich bei Whiskies ja immer um eine Cuvée aus mehreren Fässern aus verschiedenen „Batches“, damit über die Jahre eine gleichbleibende Qualität einer bestimmten Marke garantiert werden kann.


Je älter der Whisky ist, umso besser ist er in Regel, auf jeden Fall wird er jedoch teurer. Doch trotz der stolzen Preise, die Produzenten für ihre extralang gereiften Whiskies verlangen, geht ihnen aufgrund des Nachfragebooms der letzten Jahre der alte Whisky aus. Und dieser lässt sich insbesondere bei Single Malts – also Whiskies, die im Gegensatz von Blended Whiskies von einer einzigen Brennerei stammen – nicht so einfach vermehren. Eine Destillerie, die einen 21jährigen Whisky verkaufen will, kann dabei schließlich nur auf jene Destillate zurückgreifen, die vor 21 Jahren (oder noch früher) gebrannt worden sind. Und da damals nicht vorhersehbar war, wie gut sich der Markt entwickeln würde, hat man eben nicht auf Teufel komm raus Unmengen an Whiskies produziert und auf die Seite gelegt.

 

No Age Statement als Antwort

Begrenzte Mengen und steigene Nachfrage führen zu erwartbaren Ergebnissen: Die Preise für sehr alte Whiskies steigen und steigen. Um dennoch größere Mengen im Premium-Segment verkaufen zu können, gehen immer mehr Destillerien dazu über, Sonderfüllungen ohne Altersangabe auf den Markt zu bringen. Man spricht dabei von so genannten No-Age-Statement („NAS“)-Whiskies. Manche Whisky-Fans rümpfen dabei die Nase und beharren auf den immer seltener werdenden Single Malts mit Altersangabe, doch haben sie Recht?


Zweifellos braucht ein guter Whisky eine gewisse Reifezeit, um harmonisch und komplex zu werden. Doch Altersangaben wie 12, 18 oder 21 Jahre sind willkürlich gewählte Zahlen, die vor Jahrzehnten entstanden sind, weil die Produzenten ihre Keller mit nicht verkaufbaren Fässern gefüllt hatten. Man hätte auch 7, 11 und 15 wählen können. Der qualitative Unterschied zwischen einem 18- und einem 21jährigen Whisky ist auch für Kenner nicht immer nachvollziehbar. Wer das seltene Vergnügen hatte, bei einer Destillerie Raritäten wie 30, 40 oder 50 Jahre alte Whiskies zu verkosten, weiß, dass älter nicht immer besser bedeutet. Spannend sind solche Raritäten allemal, doch wirklich „besser“ sind sie nicht. Auch Whiskies haben – wie alles auf dieser Welt – ein Ablaufdatum, auch wenn man dieses beim Whisky mehrere Jahrzehnte betrifft.


Das Um und Auf, um sehr gute NAS-Whiskies zu produzieren, ist ein perfektes Fassmanagement, damit der Masterblender auch aus jüngeren Fässern eine Cuvée erstellen kann, die mit ihrer Komplexität überzeugt. Jüngere Destillerien wie Bruichladdich auf Islay haben es geschafft, ihre Premium-Whiskies seit Jahren ohne explizite Jahrgangsangabe zu positionieren. Und wenn es dann doch einmal Jahrgangsangaben gibt, dann mit ungewöhnlichem Alter, wie etwa 10 Jahre.  


Glenmorangie ist als Pionier für die Extrareifung von Single Malts bekannt. Bereits zum achten Mal präsentierte Glenmorangie heuer einen außergewöhnlich gereiften Whisky als einmalige Private Edition. Für den Glenmorangie Bacalta wurden speziell ausgesuchte, feinporige, amerikanische Weißeichenfässer zwei Jahre lang mit Madeira belegt und danach mit Whisky befüllt. So haben die Fässer extra viel Aroma gegeben, das ansonsten nur mit wesentlich längeren Fassreifezeiten erreichbar ist.  


Erst in ein paar Monaten wird die auf Orkney beheimatete Highland Park-Destillerie ihren neuen Premium-Whisky „Valkyrie“ nach Österreich bringen, der zweifellos ein ganz großer Whisky ist, der ebenfalls ohne explizites Age-Statement gefüllt wird. Laphroig bietet schon seit Jahren seinen Quarter Casks ohne Jahrgangsangabe an.


Es ist also an der Zeit, die unreflektierte Orientierung an den Jahrgangsangaben zu überdenken. Zum einen werden wirklich alte Whiskies immer seltener und teurer, zum anderen bieten die Hersteller neue Premium-Füllungen an, die auch ohne explizites Age-Statement  sehr reizvoll sind.


Wie viel Geld man für einen bestimmten Whisky bezahlen will, sollte ja nicht primär mit einer Zahl zu tun haben, die auf dem Etikett vermerkt ist, sondern in erster Linie mit dem Geschmack des Inhalts.


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Text: Wolfgang Schedelberger