Getränk

Vom Luxus des Zeitlassens


Unzählige Flights an hochspannenden Weinen bei einem einzigen Tasting sind heute keine Seltenheit. Oft macht es den Eindruck, die Weinwelt bewegt sich in einem wahren Konsumrausch. Immer mehr, immer exklusiver. Dabei bleibt in vielen Fällen die wahre Qualität der einzelnen Weine auf der Strecke. Wer hat sich nicht schon auch einmal am Tag nach einer großen Verkostung gefragt: Was ist mir im Gedächtnis geblieben? Wurde man den Weinen in der kurzen Zeit gerecht? 


Clemens Riedl von Trinkreif ging es selbst auch schon so, und entwickelte deshalb ein neues Format des Weinkostens: Slowwine. Was bedeutet, eine kleine Gruppe von Weinaffinen kostet „nur“ vier Weine im Magnumformat (plus Apero und Abschlussflasche). Die Weine werden gemeinsam geöffnet, unmittelbar danach verkostet und überlegt, wie sie weiter behandelt werden sollen. Dekantieren, oder nicht? In welcher Reihenfolge auf den Tisch bringen? Slowwine ist ein Konzept, das unbedingt Sinn macht. Zum einen natürlich, um die Qualitäten wieder mehr zu schätzen. Aber auch, um in kleiner Runde intensive Gespräche zu führen, die bei einem groß angelegten Tasting nie möglich wären.


Mehr Infos dazu und zu weiteren spannenden Veranstaltungen: https://trinkreif.at/  


 

Ein Auszug von Slowwine am 2. Dezember 2019:


2004 Krug Vintage

Ganz zu Beginn herrlich crispy, fast ein wenig ungewöhnlich für einen Krug Vintage. Ein Teil der Flasche wurde dekantiert (!) und nach einer Stunde nochmals verkostet. Er öffnete sich, blieb aber trotzdem auf der fast leichtfüßigen Seite. Krug selbst nennt den 2004er „Fraîcheur lumineuse“.


2013 Riesling A.d.L. (Versteigerungswein) Weingut Emrich Schönleber, Nahe, Deutschland

Ein Bilderbuch-Riesling von der ersten Minute an. Straff, geprägt von seiner schiefrigen Mineralität, nach Limette und ganz leicht nach Ananas duftend und dabei unheimlich elegant. Besser geht es kaum. Trotzdem wurde er dekantiert (gute Entscheidung). Der Wein öffnete sich mehr und mehr, wurde balancierter, noch strahlender, fast süchtig machend. So geht Präzision.


2006 Mystique Weingut Pöckl, Neusiedlersee, Österreich

Nach dem Entkorken unglaublich jung, dunkel in der Frucht samt deutlichem Tannin. Ganz klar die Gemeinschaftsentscheidung: er muss in die Karaffe. Nach zwei Stunden zeigte er sich zugänglicher, samt würziger Komponente. Der „Österreicher“ bleibt ganz klar als das zu erkennen. Immer noch schlummert unglaubliches Potential im Wein. Am besten in der Früh für den Abend vorbereiten.


1992 Taylor Vintage Port

Wohl das heimliche Highlight des Abends: Vom ersten Schluck an ein Wein voll herrlicher Intensität im Duft und unglaublicher Seidigkeit am Gaumen. Die rote Beerenfrucht und die zarten Marzipannoten machen ihn besonders. Hier passt alles zusammen, mit Luft blühte er natürlich noch mehr auf. Sehr gut auch der Fluss am Gaumen, und die Balance von Süße, Tannin und Alkohol.




Text: Petra Bader