Getränk

Wieviel Kirsche soll ins Bier?

Echte Kriekbiere aus Flandern sind traditionelle Spezialitäten, die mittlerweile auch außerhalb von Belgien gefragt sind. Die Brauerei Boon stellt gleich vier verschiedene Kirschbiere her, die sich für unterschiedliche Anlässe eignen.

 

Eines gleich vorweg zur Klarstellung: Mit Radlern, Biermischgetränken oder aromatisierten Bieren haben traditionelle Kriekbiere rein gar nichts zu tun. Auch wenn das leuchtende Rosa eines jungen Krieks (das ist die flämische Bezeichnung für Kirsche) Novizen vermuten ließe, dass hier mit Farbstoff nachgeholfen wurde, handelt es sich tatsächlich um ein absolutes Naturprodukt, dessen Herstellung sehr aufwändig und kostspielig ist.


Belgische Kriekbiere sind geheimnisvolle Spezialitäten, die mit Frucht und Komplexität überzeugen und sich als erfrischender Aperitif genauso eignen, wie als Speisebegleiter von leichten sommerlichen Gerichten. Auch zu feinem Frischkäse gibt es kaum ein passenderes Getränk.


 

Flaschenvergorene Spezialitäten

Vor den Toren Brüssels liegt die Brauerei Boon, wo phantastische Lambik-Biere produziert werden. Lambiks sind die einzigen Biere der Welt, die ohne Zugabe von Zuchthefen mit Spontangärung in offenen Gärbottichen entstehen. Danach reifen sie für mehrere Jahre in Holzfässern. Weil dabei die natürliche Kohlensäure verloren geht, werden die gereiften Lambiks mit jungem, noch nicht gänzlich vergorenem Bier verschnitten und – so wie Champagner – in Flaschen gefüllt, wo es dann zu einer zweiten Gärung kommt. Derartige Biere werden in und rund um Brüssel als „Geuze“ bezeichnet und überzeugen mit einer außergewöhnlichen Komplexität. Zumindest für heimische Gaumen ist die hohe Säure dieses Bier-Stils am Anfang gewöhnungsbedürftig. Etwas zugänglicher sind die traditionellen Kirsch-Biere auf Lambik-Basis. Man hatte schon vor Jahrhunderten damit begonnen, reife Lambiks mit frischen Kirschen zu vermischen und nach rund einer Woche Mazeration in Flaschen zu füllen, wobei der natürliche Zucker der Kirschen die zweite Gärung ermöglicht.

 

Frucht mit Tiefe

Das Bierfachgeschäft Beerlovers in der Gumpendorferstraße in Wien hat Ende April eine Online Kriek-Verkostung organisiert, zu der Karel Boon von der gleichnamigen Brauerei live zugeschaltet war. Außer Konkurrenz gab es noch das klassische Geuze „Marriage Parfait“ und ein Framboise (Himbeer-Bier) zu kosten.

 




Boon Kriek 2018: In strahlend hellem Kirschrosa zeigt sich das „normale“ Boon Kriek, das unbeschwerten Trinkgenuss bietet. Mit Frucht, Frucht und nochmals Frucht ist dieses Bier ein erfrischender Sommerdrink, der mit nur 4 % Alkohol sorgenfreien Trinkspaß verspricht. Der Kirschanteil beträgt „nur“ 25 %. Eine geringfügige Beigabe von Zucker bei der Mazerierung sorgt dafür, dass etwas Restzucker in der Flasche erhalten bleibt, was dieses Bier sehr zugänglich macht. Süßlich schmeckt es dennoch nicht – dafür sorgt die hohe Säure des Lambiks. 4 % Alk. 0,375 L Flasche 5,30 €





 






Boon Oude Kriek L’Ancienne 2017: Die Farbe ist nicht mehr ganz so strahlend, obwohl der Kirschanteil mit 40 % deutlich höher liegt. Das Oude Kriek ist auch deutlich trockener, weil kein Zucker beigegeben wird und wesentlich komplexer. Der Alkoholgehalt ist etwas höher und das Bier ist – wie es sich für ein Oude Kriek gehört – auch ein Jahr älter. 6,5 % Alk. 0,375 L Flasche 7 €           






 




Boon Oude Scharbeekse Kriek 2018: Als man die Krieks noch in kleinstem Maßstab für den lokalen Markt herstellte, reichten die paar Kirschbäume rund um Brüssel aus. Heute kommen die frisch geernteten Kirschen schockgefroren aus Polen. Beim Scharbeekse Kriek verwendet man jedoch so wie früher ausschließlich Kirschen aus der Region, die nicht zuletzt aufgrund der ständig wachsenden Stadt immer weniger werden. Obwohl bei diesem Bier der Kirschanteil noch höher ist, schmeckt es noch einen Tick saurer. Die Einheimischen freuen sich darüber, dass diese lokale Tradition weiter gepflegt wird. Wer ein wirklich saures Kriek sucht, liegt hier goldrichtig, doch normale Gaumen sind mit den anderen Krieks von Boon besser beraten. 6 % Alk. 0,375 L Flasche 6,70 €




 





Boon Mariage Parfait Kriek 2016: Im Gegensatz zu den anderen Krieks von Boon, reift das Mariage Parfait nach der Mazeration noch einmal rund acht Monate im Fass, bevor es zur zweiten Gärung in der Flasche kommt. Außerdem ist das „Basis-Lambik“ zumindest drei Jahre alt. Das führt zu einem hoch komplexen Bier, das mit jedem weiteren Schluck zusätzliche Aroma-Komponenten zeigt. Auch der relativ hohe Alkoholgehalt ist perfekt eingebunden und sorgt für Struktur. Ein Kriek für Kenner!

8 % Alk., 0,375 L Flasche 8,16 €





 

Jahrgang und Ablaufdatum

Die Jahrgangsangabe am Flaschenhals bezieht sich auf das Alter des Lambiks, mit dem das Kriek hergestellt wird und nicht auf den Beginn der Flaschengärung oder den Zeitpunkt der Auslieferung. Im Gegensatz zum einfachen Kriek, das relativ jung getrunken werden sollte, legt die Komplexität eines Oude Krieks mit jedem Jahr zu. Ein Ablaufdatum von April 2039 wie etwa beim Boon Mariage Parfait 2016 ist also durchaus ernst gemeint. Hingegen sollte man beim einfachen Boon Kriek 2018, das Ablaufdatum September 2023 nicht bis zum letzten Tag ausreizen. Das Bier schmeckt heuer besser als im nächsten oder übernächsten Jahr. Weil sich bei der Flaschengärung Trübstoffe wie abgestorbene Hefen bilden, soll man alle Lambiks stehend lagern und den letzten Schluck in der Flasche belassen.

 

Viele, viele bunte Kirschen

Viele flämische Geuze-Brauereien wie Hanssens, 3 Fonteinen, Liefmans, Lindemans oder Mort Subite brauen traditionelle Kriek-Biere. Und auch jüngere Craft-Bier-Brauereien haben die Kirsche als reizvollen Aromaträger seit ein paar Jahren für sich entdeckt. Besonders witzig ist das nur in der originellen violetten Dose erhältliche Appollo von Omnipollo (5,90 €). Besonders gut aber auch ausgesprochen teuer ist das Sour Ale Lambic des dänischen Kultbrauers Mikkeller (20 €, 0.375 L). Auch in Polen (WRCLW Cherry Baltic Porter Nitro), Estland (Pöhjala: Cherry Banger) und England (Samuel Smith, Organic Cherry) wird eifrig mit Kirschen gebraut – weit entfernt vom sauren Lambik-Style. Das „schrägste“ Kirschbier am Markt kommt aus den USA: Das Sierra Nevada Cherry Cocolate Stout erinnert an eine Schwarzwälder Kirschtorte, ist aber eher für lange Winternächte und nicht für sommerliche Nachmittage gedacht. Das trinken wir ein andres Mal.

 

Alle Biere sind beim Beerlovers in der Wiener Gumpendorferstraße 35 und im Webshop erhältlich: www.beerlovers.at




 

 Text: Wolfgang Schedelberger